Ihr Lieben,

im Januar-Kurs „Neues nimmt seinen Anfang in der Stille“ erzählte ich den TeilnehmerInnen ein Märchen (aus Estland), das davon berichtet, wie nah das Glück uns oft ist und wir es nicht sehen. Oder wie tief es in uns vergraben ist und schläft. Ich mag es euch hier gerne weitergeben:

Da waren einmal zwei Bauern, die hatten ihre Höfe nah beieinander. Der Unterschied zwischen den beiden war jedoch, dass der eine reich war und der andere arm. Der arme Bauer war nicht deshalb arm, weil er faul war oder träge. Nein, er schuftete und rackerte oft viel mehr als der reiche Bauer und kam doch nie auf einen grünen Zweig. An manchen Abenden saß der arme Bauer verzweifelt in seiner Stube und begann immer wieder, um Hilfe zu beten. Und eines Abends hatte er plötzlich den Impuls, nach draußen zu sehen und rund ums Haus herum nach dem Rechten zu schauen. Da sah er auf dem Feld des reichen Nachbarn einen Sämann.

„Hey“, rief er, „was machst du da?“

„Ich säe Roggen.“ antwortete der Sämann.

Der arme Bauer sah ihn erstaunt an und fragte: „Und warum tust du das?“

„Weil ich das Glück des Reichen bin!“ sprach der Sämann.

Verwirrt von dieser Antwort fragte der arme Bauer: „Ja, und wo ist dann mein Glück?“

Der Sämann lächelte verschmitzt, deutete mit dem Kopf auf einen großen Stein und sagte: „Schau mal dort, hinter dem großen Stein. Da schläft es, dein Glück.“

Der arme Bauer ging zum Stein und tatsächlich fand er dahinter einen Schläfer. Er stupste ihn mit der Schuhspitze an und sagte: „Du da, wach auf und säe für mich Roggen!“

Verschlafen blinzelte ihn der Schläfer an und meinte: „Das tue ich sicher nicht!“

Verdutzt und auch etwas ärgerlich sprach der Arme: „Und warum nicht? Du bist doch mein Glück!“

Jetzt setzte sich der Schläfer auf, schaute dem armen Bauern in die Augen und sagte: „Tja, das bin ich schon … aber ich bin nicht das Glück eines Landwirts.“

Das traf den armen Bauern ins Mark. Grübelnd fragte er sich: „Was soll ich denn ansonsten tun? Ich kann doch nur das?“

Der Schläfer hörte es und antwortete: „Wähle ein anderes Handwerk.“

„Ein anderes Handwerk? Aber was denn?“ waren wieder die hilflosen Fragen des Armen.

„Vielleicht etwas, das du schon immer tun wolltest?“ setzte der Schläfer nach.

Vor sich hin sinnend und nachdenkend kam dem armen Bauern plötzlich eine Idee: „Vielleicht … Kaufmann?“

„Gut! Werde Kaufmann!“ sprach der Schläfer und war jetzt vollkommen wach.

Voll von diesen Erlebnisses, diesen ungewöhnlichen Gesprächen, unsicher und auch ängstlich, was denn nun sein würde, ging der arme Bauer in sein Haus und legte sich müde schlafen. Am nächsten Morgen jedoch fasste er sich ein Herz, verkaufte all das wenige, das er besaß, eröffnete in der Stadt einen Laden und wurde Kaufmann. Nun kam das Glück zu ihm und blieb ihm von Stund an treu.

(Nach: Finnische und Estnische Märchen, August von Löwis of Menar)

Wie ist es mit Dir? Welche Samen des Glücks kannst Du aussäen? Was möchte in Deinem Leben noch „erwachen“?

Lass das Märchen und diese Fragen doch einfach Dich durchwirken. Denke nicht darüber nach. Die stimmigen Impulse werden aus Deinem Innern auftauchen. Viel Freude damit.

Gabriele